Interview mit einer Lidl-Sinnfluencerin

Gesunde Ernährung im Check: Mythen, Hypes und Social Media-Einflüsse

Gemeinsam mit Lidl-Sinnfluencerin Jessi Nitschke werfe ich einen Blick hinter die Kulissen der Social-Media-Welt, spreche über Protein-Hype und Supplements – und darüber, wie gesunde Ernährung im Familienalltag wirklich gelingen kann.

Ein Foto von Lidl-Sinnfluencerin Jessi Nitschke
Mit Ernährungsexpertin und Lidl-Sinnfluencerin Jessi Nitschke sprechen wir über relevante Ernährungsthemen in der heutigen Zeit. Foto: @ Laura Schraudner
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Als Ernährungswissenschaftlerin und LECKER.de-Redakteurin liegt mir gesunde Ernährung sehr am Herzen. Doch wie werden Ernährungstipps greifbar für Menschen, die sich sonst kaum damit beschäftigen?

Eine, die genau das schafft, ist Jessi Nitschke: Gründerin von „vollundwertig“, Podcast-Host und seit zwei Jahren Lidl-Sinnfluencerin. Mit ihrem Wissen rund um gesunde Ernährung erreicht sie auf Instagram inzwischen über 86.000 Menschen.

Jessis Rolle als Lidl-Sinnfluencerin

Jessi Nitschke ist seit zwei Jahren Lidl-Sinnfluencerin – doch was steckt eigentlich hinter diesem Begriff? Als Sinnfluencerin gibt sie Menschen einen einzigartigen Einblick in die Welt des Lebensmitteleinzelhandels, den sie normalerweise nie bekommen würden. Ihr Weg begann mit einer Einladung zu einem Workshop bei Lidl in Bad Wimpfen. Dort konnte sie aus erster Hand erleben, wie intensiv hinter den Kulissen an Themen wie weniger Zucker, mehr Vollkorn oder besseren Rezepturen gearbeitet wird.

„Mich hat beeindruckt, dass dort sehr klar darüber gesprochen wurde, wie man Schritt für Schritt den Vollkornanteil erhöhen, Zucker reduzieren oder Rezepturen verbessern kann – also nicht nur Marketingversprechen, sondern echte Produktarbeit.“
Jessi Nitschke

Für ihre Community bedeutet ihre Rolle als Sinnfluencerin vor allem eins: Transparenz und Einordnung. Was passiert tatsächlich im Hintergrund? Wo setzt der Handel wirklich an und wie entstehen Veränderungen im Sortiment? Ihr Ziel: Den Followerinnen und Followern zeigen, dass viele Fragen und Sorgen rund um gesunde Ernährung berechtigt sind, und dass echte Verbesserungen meist schrittweise und nicht über Nacht passieren. So bleibt gesunde Ernährung keine Theorie – sondern wird im Supermarkt und zu Hause greifbar.

Zwischen Reels und Mythen: Ernährungswissen auf Social Media richtig einordnen

Besonders überraschend für Jessi: In ihrer Community werden kaum klassische Nährstofffragen gestellt. Stattdessen schicken ihr Follower täglich Screenshots von Schlagzeilen, Reels oder viralen Social-Media-Mythen mit der Frage: „Stimmt das?“ Solche Themen verbreiten sich online rasant – oft ohne wissenschaftlichen Hintergrund.

Ein grundlegendes Problem: Begriffe wie „Ernährungsberaterin“ oder „Coach“ sind rechtlich nicht geschützt. So geben auch Menschen ohne fundierte Ausbildung Ernährungstipps weiter – und das führt häufig zu Halbwahrheiten und Unsicherheiten. Jessi sieht ihre Rolle daher nicht nur im Vermitteln von Wissen, sondern auch darin, Informationen einzuordnen und verständlich zu machen. Damit ist sie für viele eine wichtige, verlässliche Stimme im digitalen Ernährungsdschungel.

Mythen im Faktencheck: Protein-Hype, Rapsöl & Supplements

Ob es um die Auswahl des richtigen Öls, den aktuellen Protein-Hype oder Nahrungsergänzungsmittel geht – rund um das Thema Ernährung kursieren zahlreiche Mythen und Unsicherheiten, die viele Menschen beschäftigen. Wir nehmen drei Beispiele genauer unter die Lupe.

Der Protein-Hype: Muss es immer Pulver sein?

Kaum ein Nährstoff steht so sehr im Rampenlicht wie Protein. In den sozialen Medien jagt ein Hype um Shakes, Riegel und Proteinpulver den nächsten. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht bin ich überzeugt: Es ist überhaupt nicht notwendig, auf teure Pulvermischungen zurückzugreifen. Mit einer ausgewogenen Ernährung – etwa mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen und Vollkornprodukten – lässt sich der tägliche Proteinbedarf problemlos decken. Auch Jessi setzt auf natürliche Vielfalt statt Pulver. Sie sagt dazu:

„Der aktuelle Protein-Hype ist kein Problem, solange die Basis stimmt. Entscheidend ist nicht, ob jemand ein Proteinpulver nutzt. Entscheidend ist die Gesamtqualität der Ernährung. Wenn Pulver eingesetzt wird, sollte man auf Zusammensetzung, Zusatzstoffe und Qualität achten.“
Jessi Nitschke

Ähnlich wie ich ist auch Jessi ein großer Fan von Tofu. Kein Wunder: Tofu ist unglaublich vielseitig einsetzbar und eine echte Proteinquelle – mit rund 15 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm. Ob als knuspriges Ofengericht, in Bowls, Aufläufen oder sogar Desserts – Tofu überzeugt nicht nur mit seinem hohen Gehalt an wertvollen Aminosäuren, sondern sorgt auch für Abwechslung auf dem Teller.

Ist Rapsöl wirklich ungesund?

Ein Mythos, der Jessi immer wieder begegnet, betrifft Rapsöl. In Social Media wird es manchmal sogar mit Motoröl verglichen oder als „entzündungsfördernd“ bezeichnet. Jessi hält dagegen:

„Rapsöl ist eines der am besten untersuchten Pflanzenöle. Es enthält ein sehr günstiges Fettsäuremuster mit einfach ungesättigten Fettsäuren und Omega-3-Fettsäuren.“
Jessi Nitschke

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Rapsöl sogar dazu beitragen kann, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken – sofern es gesättigte Fette im Speiseplan ersetzt. Jessi macht deutlich: „Entscheidend ist die Einordnung und die ganzheitliche Betrachtung des Ernährungsstils.“ Auch für mich, als Ernährungsexpertin, war es zunächst überraschend, wie schlecht das Image von Rapsöl auf Social Media bei manchen ist. Dabei ist das Thema Fette und Öle insgesamt sehr komplex – aber mit ein paar einfachen Kniffen lässt sich die Fettqualität in der eigenen Ernährung gut verbessern.

Die guten Fette: Warum Omega-3 so wichtig ist

Wie Jessi bereits betont, spielen Omega-3-Fettsäuren hier eine wesentliche Rolle: Sie wirken entzündungshemmend, unterstützen das Immunsystem, das Herz-Kreislauf-System und die Gehirnfunktion. Wer mehr davon auf den Speiseplan bringen möchte, kann auf fettreiche Fische wie Lachs oder auf rein pflanzliche Quellen wie Leinöl, Rapsöl und Walnüsse zurückgreifen.

Nicht jedes Fett tut uns gut

Ein weiterer wichtiger Hebel: Den Verzehr von sogenannten „schlechten“ Fetten zu reduzieren. Dazu zählen vor allem Transfettsäuren, die in vielen stark verarbeiteten Lebensmitteln wie Chips, frittierten Produkten oder Backwaren stecken. Auch Sonnenblumenöl enthält eine vergleichsweise ungünstige Fettsäurezusammensetzung – ich persönlich setze daher Alternativ am liebsten auf Rapsöl. Für meine Salate greife ich am liebsten zu hochwertigem, kaltgepresstem Olivenöl.

Nahrungsmittelergänzungsmittel: Brauche ich Supplemente – und wenn ja, welche?

In den sozialen Medien werden Supplements heutzutage häufig wie Trendprodukte vermarktet – oft mit Rabattcodes oder vermeintlichen Wohlfühl-Versprechen. Doch davon halten Jessi und ich wenig: Einfach „ins Blaue hinein“ Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, macht wenig Sinn und kann im schlimmsten Fall sogar schaden. Wer das Gefühl hat, einen Nährstoffmangel zu haben, sollte keinesfalls auf gut Glück supplementieren, sondern den Ist-Zustand bestimmen lassen. Am besten ist es, mit einem Arzt oder einer Ärztin ein Blutbild machen zu lassen. So erkennt man gezielt, wo tatsächlich ein Mangel besteht – und kann dann individuell und sinnvoll supplementieren.

„Viele Menschen greifen zu Nahrungsergänzungsmitteln, bevor die Basis stimmt. Dabei zeigen große Studien immer wieder: Der stärkste gesundheitliche Effekt entsteht durch Ernährungsmuster – nicht durch einzelne Kapseln.“
Jessi Nitschke

Für bestimmte Gruppen gibt es jedoch Nährstoffe, auf die besonders geachtet werden sollte. Gerade für Veganer und Vegetarier empfiehlt es sich, regelmäßig den Vitamin-B12-Status zu überprüfen, da dieses Vitamin fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt. Vitamin B12 ist unverzichtbar für unseren Energiestoffwechsel und bei der Blutbildung – ein Mangel kann langfristig zu Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und sogar neurologischen Symptomen führen.

Vitamin D nimmt zum Beispiel eine echte Sonderrolle ein. Es ist das einzige Vitamin, das unser Körper kaum über Lebensmittel aufnehmen kann, sondern hauptsächlich durch körpereigene Produktion mithilfe von Sonnenstrahlung (UVB-Licht) bildet. Diese Eigenproduktion hängt von verschiedenen Faktoren ab – etwa der Jahreszeit, dem Hauttyp oder wie viel Zeit täglich im Freien verbracht wird. Gerade in den Wintermonaten reicht die Sonneneinstrahlung in Deutschland oft nicht aus, um den Bedarf zu decken. Hier ist es sinnvoll, den eigenen Vitamin-D-Spiegel individuell überprüfen zu lassen und – falls nötig – gezielt zu supplementieren. Das Vitamin sollte nicht nur im Hinblick auf die Knochengesundheit beachtet werden: Es ist auch extrem wichtig für unser Immunsystem. Jessi bringt es so auf den Punkt:

„Supplemente können sinnvoll sein. Aber gezielt. Und nicht nur, weil es dafür einen Rabattcode bei Instagram gibt.“
Jessi Nitschke

Familienalltag: So klappt’s mit gesunder Ernährung – ohne Druck

Gerade im stressigen Familienalltag kann gesunde Ernährung schnell zur Herausforderung werden – das wissen Eltern und Kinder gleichermaßen. Einer der wichtigsten Punkte, auf den Jessi immer wieder hinweist: „Eltern sind das stärkste Vorbild. Kinder schauen nicht auf Nährwerttabellen, sondern lernen vor allem durch Nachahmung.“ Je entspannter und vielfältiger Eltern beim Essen sind, desto eher entwickelt sich bei Kindern ein offenes Verhältnis zu neuen Lebensmitteln. Jessi rät deshalb zu Regelmäßigkeit und Geduld:

„Geschmack entwickelt sich. Studien zeigen, dass Kinder neue Lebensmittel oft 10–15 Mal angeboten bekommen müssen, bevor sie sie akzeptieren. Ablehnung heißt also nicht ‚mag ich nicht‘ – sondern oft nur ‚kenne ich noch nicht‘.“
Jessi Nitschke

Auch die frühe Geschmacksprägung beginnt früher als viele denken – bereits im Mutterleib und in den ersten Lebensjahren wird beeinflusst, welche Aromen später als vertraut empfunden werden. Deshalb gilt: Immer wieder anbieten, ohne Druck, aber mit liebevoller Konsequenz.

Aus meiner eigenen Erfahrung – ich habe eine Zeit lang in einer Kinderkochschule gearbeitet und gemeinsam mit Kindern gekocht – weiß ich: Sogar skeptische Kinder lassen sich begeistern, wenn sie selbst mit anpacken dürfen. Es war faszinierend zu erleben, wie viel Freude die Kinder daran hatten, Zutaten zu schneiden, gemeinsam zu rühren und am Ende ein selbst gekochtes Gericht stolz zu probieren.

Es lohnt sich wirklich, Kinder spielerisch und mit Spaß an das Thema Essen heranzuführen und sie aktiv einzubeziehen. Als Ernährungswissenschaftlerin kann ich das nur bestätigen: Essen sollte Spaß machen – auch (und gerade) im Familienalltag. Mit Geduld und Gelassenheit entsteht nachhaltige Neugier auf gesunde Vielfalt.